Donnerstag, 7. Mai 2009

Vorbilder, ein Ungeheuer und eine zerstörte Axt

Another Post, Another Sleepless Night
Ich habe heute neue Saiten aufgezogen. So konnte das nicht weiter gehen, ich musste was tun! Seit dem Wochenende schon immer das Gleiche ...

Was ich getan habe? Ich werd es Euch erzählen. Samstags morgens ging es los. Bei einem wahnwitzigen Solo hat sich, wohl aufgrund der enormen Erhitzung, die E-Saite meiner wunderschönen, klangvollen Fender Squier Stratocaster mit einem lauten Schnarren verabschiedet. Für alle Nicht-Musiker: Eine Fender Squier Stratocaster ist eine Gitarre. Keine sonderlich gute, aber ich bin mit ihr sehr glücklich. Auf jeden Fall, samstags morgens wars vorbei mit der Gitarrenspielerei. Aber zum Glück hat mich das gar nicht gestört, weil ich ja nie Probleme mit Langeweile habe. Falls Ihr euch z.B. mal gefragt habt, warum ich immer nachts poste. Tagsüber kann ich zur Langeweilebekämpfung Gitarre spielen, ohne dass mein Nachbar musikalisch durch dumpfes Klopfen oder lautes Schreien dabei einsteigt. Und schon wieder schweif ich ab. Samstags morgens also. Lagebericht: Ich allein an der Langeweile-Front. Mir gegenüber ein ganzes Wochenende voll Langeweile. Meine stärkste Waffe, meine Axt - Zerstört in meinen Händen. Von dieser Situation geschockt, ohnmächtig, nicht klar denkend, kam ich zu dem Schluss das es ein Zeichen sein muss.
Es waren noch exakt 3 Tage bis zu meiner Abiprüfung in Physik. Genau 72 Stunden. Wenn man davon die Zeit zum Schlafen und Essen abzieht sind noch knapp 40 Stunden übrig. 40 Stunden für Stoff, den man in 2 Jahren hätte lernen sollen. Leise fragte ich mich: Können wir das schaffen? Dabei sah ich fragend auf meine Gitarre runter. Keine Antwort. Bisher hatte sie mir immer eingeredet, die Zeit lange noch locker, doch auf einmal bekam ich Panik und seit damals weiß ich eins: Es gibt etwas, das mindestens doppelt so schrecklich ist wie eine halbnackte Madonna auf ihren 50+Tourneen. An dieser Stelle muss ich kurz schlucken. Nicht nur wegen dem Gedanken an faltige Oberschenkel, sondern vor allem wegen dem Satz der jetzt folgt: Es gibt etwas, dass sogar noch furchtbarer ist als Langeweile - Lernen. Nicht gewöhnliches Lernen. Nein, nein, Lernen von Stoff, für den ein neuer Aggregatzustand erfunden werden müsste, um ihn richtig beschreiben zu können. "Zäh" oder "gummiartig" sind einfach zu schwache Wörter. Zwischendrin lieferte der Stoff mir auch noch einige Leckerbissen, komplizierter als das Öffnen einer Bierflasche mit nichts weiter als einem Zahnstocher. MacGyver hätte das wohl noch geschafft. Aber selbst er wäre erblasst im Angesicht des schrecklich-schauerhaften Potenzialtopfmodells. Beim Versuch es zu verstehen hätte sich sein Kopf wohl früher oder später verabschiedet, um in einer gewaltigen Explosion in tausend Teile zu springen. Ein Trick, den MacGyver im allergrößten Notfall benutzen kann, um sich wiedermal aus einer Gefängniszelle rauszusprengen, wenn er zufällig kein Stroh und auch keinen Draht zur Hand hat. Er baut sich später einfach einen neuen Kopf aus Schnee, einer Karotte und ein paar Kastanien. Den Unterschied merkt keiner.
Nachdem ich nun die Trümmer seines Schädels weggeräumt hatte, saß ich wieder da. Aug' in Aug' mit der Bestie. Ein so abstoßendes Geschöpf, dass nicht einmal somalische Piraten sich etwas derartiges ausmalen könnten. Ein Biest, so abscheulich also, dass die "Schrecken der Sieben Weltmeere" es fürchten. Ganz ehrlich: Ich hatte Angst. Jeder hätte an meiner Stelle Angst gehabt. Mich befiel schon in dem Moment eine fürchterliche Kälte, als es mir im Januar 2009 das erste Mal begegnete. Damals gebändigt von einem, der größer ist als ich. Meinem Physiklehrer. Aber nun war ich allein und es lag vor mir. Das sagenumwobene Potenzialtopfmodell. Doch ich habe es besiegt. Im Kampf ist es immer wichtig die eigenen Schwächen zu kennen. Ich wusste um meine und so konnte es mir nichts antun, denn ich habe es mit einem Kunstgriff überwunden: Ich habe es ganz einfach ausgelassen, nicht beachtet. Ich dachte mir ganz einfach: "Was würde Chuck Norris tun?" Als ich nach einer kurzen Round-house-kick-Fantasie wieder in der Realität landete, wusste ich, dass mir Chuck Norris nicht helfen könnte. Und da mein Ersatzidol grade auf dem Weg Richtung Nordpol war, nachdem es sich bei mir noch eine Karotte und ein dutzend Kastanien ausgeliehen hatte, wurde mir klar, dass ich selbst eine Entscheidung fällen musste. Und ich entschied mich für das einzig Richtige. Nämlich, etwas zu lernen, bei dem wenigstens die Chance besteht, dass ich es verstehe, bevor ich meinem Gebiss nachts beim Schlafen in seinem Glas zusehen kann.
Hat's was geholfen? Nun ich hab den meisten anderen Stoff durchgekriegt und auch beim Schreiben der Klausur wusste ich das ein oder andre. Nebenbei: Das Potenzialtopfmodell kam in der Arbeit gar nicht dran und ich bin mir sicher, ich weiß warum: Es war eine höhere Macht, die mir da geholfen hat. Ich hab mich vorher schließlich noch ein bisschen mit Gott unterhalten. So von Gitarrengott zu normalem Gott, da ist das Verhältnis logischerweise ganz gut. Und da ich jetzt ja auch wieder Saiten auf meinem Instrument habe, werd ich ihm demnächst auch die versprochene Rockhymne schreiben. Aber nicht mehr heute Nacht, denn er steht nicht so auf Flüche in Liedern. Schon gar nicht, wenn sie so hasserfüllt durch die Wand geschrien werden.

Eigentlich wollte ich ja von meinen neuen Seiten berichten, denn eins steht fest: Es muss sich was ändern und es wird sich was ändern. Heute habe ich den ersten Schritt gemacht. Es werden noch viele folgen, große und kleine, anstrengende und leichte, traurige und schöne. Die Welt steht einem Gitarristen immer offen. Und wenns doch nich klappt, hab ich ja immer noch diesen Blog. Und notfalls noch ein Abi mit ner passablen Physik-Note. Die Welt steht mir offen ...

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