Sonntag, 1. November 2009

The Vamps are back in town!

Der Kommissar beugte sich über das Mädchen. Sie lag einfach so da, mitten auf dem Asphalt der düsteren Bahnhofsstraße, bleich wie Kreide. Schön war sie, auf ihre Art. Sicherlich kein Model, aber schön war sie trotzdem, mit zwei kleinen Makeln: Erstens, sie hatte zwei kleine Löcher im Hals. Zweitens, sie war tot, ermordet, auf die gleiche Art und Weise, auf die schon drei andere junge Frauen diese Woche ihr Leben verloren hatten. Wenn er es auch bei den ersten Fällen nicht wahrhaben wollte, jetzt konnte er das Offensichtliche nicht länger abstreiten. Im gelblichen Schein der Straßenlaterne stand er da und seufzte laut, bevor er seinen Überlegungen einen Namen gab: Vampir.

Sie sind zurück. Doch sie haben sich verändert. Ein Vampir, das klingt nach einem Blutsauger mit Cape, der sich wahlweise in eine Fledermaus oder sogar in einen Wolf verwandeln kann. Es klingt nach einem mächtigen magischen Wesen, das tagsüber in seinem Sarg tief im Schloß im düsteren Transsilvanien schläft und nachts die ansässigen Bauern terrorisiert, bis die es schließlich mit Mistgabeln und Fackeln jagen.
Doch Vampire haben sich verändert. Kein Cape mehr, keine Fledermäuse, das wird Batman überlassen. Magie ist auch nicht mehr im Spiel, höchstens körperliche Stärke. Auch sind Särge nicht mehr sehr angesagt, ebenso wie Schlösser in Transsilvanien. Der Vampir von heute lebt im sonnigen Kalifornien, in New York oder einer anderen schönen Gegend in den USA und schläft, tja irgendwie gar nicht oder wenn doch ganz normal in einem Bett.
Kurzum: Vampire sind menschlicher geworden. Und genau darin liegt ihre heutige Stärke: Vampire sind nicht mehr ohne weiteres als solche zu erkennen. Ihre ehemals markanten raubtierartigen Zähne haben sich zurückentwickelt, so dass sie weniger auffallen. Auch ihre weiße Haut ist in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihr Leben in abgedunkelten Räumen vor PCs verbringen und Kinder stundenlang in Kellern vor Konsolen kauern, kein nützliches Erkennungszeichen mehr. Sie sind zahlreich, überall, aber doch nicht zu sehn. Sie gehen zur Schule, haben normale Berufe und Familie.
Das schlimmste ist aber: Sie sind auf Grund ihrer guten Medienpräsenz beliebt bei Menschen, vor allem beim weiblichen Geschlecht. Frauen scheinen die einzigen zu sein, die einen Unterschied zwischen kreidebleichen Vampiren und Computer-Nerds erkennen können. Dafür sind sie dann aber auch so blöd auf die Blutsauger reinzufallen. Sie lassen sich etwas von Liebe und von Sehnsucht vorgaukeln, glauben an das Gute in ihnen und verlieben sich in sie.
Doch "Du bist am Ende, was du bist" und ein Vampir ist nunmal ein Mörder und kein Mensch. Er lebt vom Tod der Menschen, muss töten um zu überleben und bluten lassen um zu genesen. Um dies zu erreichen ist dem gemeinen Vampir jedes Mittel recht, schließlich hat er seit seinem eigenen Tod keine Seele mehr und kennt somit auch keine Reue. Er handelt nicht nach ethischen Grundsätzen, sondern nach instinktiven Trieben, wie ein Tier, dass frisst oder gefressen wird.
Ein Tier, dass aussieht wie ein Mensch, das ist der neue Dracula. Wozu braucht er auch Magie oder Mythos, wenn seine Opfer ihm auch so um den Hals fallen? Wozu braucht er große Eckzähne, wenn er gar nicht mehr jagen muss, sondern seine Beute zu ihm kommt?

Stöhnend ließ sich der Kommissar auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Die Gedanken, die er sich unterwegs gemacht hatte, rumorten immer noch in seinem Schädel. Was sollte er nur machen, gegen diesen übermächtigen Feind? Er ging im Kopf nochmal die von Bram Stoker beschriebenen Mittel gegen einen Vampir durch, irgendwie müsse man doch der Lage wieder Herr werden können.
  • Holzpflock: Klassisch und endgültig. Der Holzpflock wird dem Verdächtigten durch Herz gerammt und wenn er ein Vampir ist, stirbt er daran. Problem: Wenn es doch nur ein Mensch ist, stirbt er auch.
  • Kopf abhacken: Ebenso klassisch und endgültig, aber gleiches Problem.
  • Weihwasser: Auch ein probates Mittel, der Verdächtige wird mit Weihwasser beträufelt, wenn sein Körper danach Brandblasen aufzeigt, ist er entweder Vampir oder Besessener. Problem: Wer hat schon noch Weihwasser zu Hause? Wer ist überhaupt noch in der Kirche oder glaubt an Gott? Anmerkung: Buddha bietet keine Waffen gegen Vampire.
  • Kruzifix/Kreuz: Gleiche Wirkungsweise wie Weihwasser und gleiches Problem.
  • Knoblauch: Vampire hassen den Geruch von Knoblauch, aber wer tut das nicht? Problem: Knoblauch kennen die meisten Menschen nur noch aus Erzählungen, da ihr Essen aus McDonalds, BurgerKing oder Tiefkühlpizza besteht.
  • Sonnenlicht: Was hat mehr Style als alle Vampire, mit denen man nachts gekämpft hat bei Sonnenaufgang zu Staub verfallen zu sehn? Problem: Die Sonne scheint nur tagsüber, d.h. man ist im Schnitt 12 Stunden pro Tag ungeschützt.
Bei diesem Gedanken hielt der Kommissar Inne. Auch wenn keines der Mittel perfekt für eine großflächige Ausrottung von Vampiren geeignet war, schien doch das Sonnenlicht am meisten Potenzial zu haben. Man müsse lediglich alle Leute dazu animieren, ihre Kinder, Ehepartner oder Freunde, die zombieartiges Verhalten oder Blässe vorweisen und tagsüber im Dunkeln hocken, mal kurz für ein, zwei Minuten aus dem Haus ins Tageslicht zu scheuchen. Wenn sie nicht freiwillig gehen wollen, kann man sie sicher leicht dazu bringen, indem man ihnen ein Messer an den Hals hält und ihnen droht den Kopf abzuschneiden. Das sollte bei Kellerkindern und bei Vampiren funktionieren. Desweiteren sollte an die kellernde Bevölkerung folgende Mitteilung gerichtet werden, am besten per Email, über einen Blog oder per Twitter :
"Für alle Stubenhocker da draußen: Wenn ihr nicht sonderlich heiß drauf seid von euren Freunden oder Eltern gepfählt oder geköpft zu werden, ist es vielleicht ratsam mal in der Öffentlichkeit das Haus für ein paar Minuten zu verlassen und ins Sonnenlicht zu treten. Danach kann euch keiner mehr für einen Untoten halten."

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