Es war früher Morgen, die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die flackernde Bahnhofslaterne warf ein kaltes, weißes Neonlicht auf den Bahnsteig. Es war eisig und düster, ein typischer Februarmorgen.
Paul hätte sich etwas Schnee gewünscht, er mochte Schnee. Die Landschaft wirkte nicht ganz so nackt und leblos, wenn sie mit Schnee bedeckt war. Aber nicht heute. Keine Flocke war in den letzten Tagen und Wochen gefallen. Keine weiße Pracht, nur harte, tote Gleise.
„Es würde sowieso nichts ändern“, dachte sich Paul, „Vielleicht ist es nur richtig so.“
Er stand am Bahngleis zwei und wartete auf den ICE. Jeden Morgen fuhr er durch seinen kleinen Heimatort. Jeden Morgen das selbe schreckliche Kreischen der Räder auf den grauen Schienen. Jeden Morgen, und doch, heute, heute war es anders, heute war alles anders. Paul wartete.
Auf dem einzigen anderen Bahngleis würde 7 Minuten danach ein zweiter Zug ankommen, wie jeden Morgen. Der Zug würde halten und all die anderen Leute, die auf dem Bahnsteig warteten, würden einsteigen. Einsteigen und aussteigen. Woanders. Sie würden zu ihrer Arbeit fahren oder zu Freunden oder, wie Paul es jeden anderen Morgen tat, in die Schule.
„Schule“, seufzte Paul. Für ihn meinte das: Ein Raum, ein Lehrer, 30 Schüler, kein Freund. Er hasste es. Er hasste den engen, dunklen Klassensaal, den Lehrer, der ihn nicht verstehen wollte und die Schüler. Er hasste sie. Die, die ihn neckten und die, die ihm mitleidvolle Blicke zuwarfen, wenn er geneckt wurde. Er hasste sie alle.
Nicht mehr lange. Paul sah sich auf dem Bahnhof um. Ein paar Leute waren schon da, auf Bahnsteig eins. Sie lachten und redeten, hielten Smalltalk über das Wetter, die Kälte, den fehlenden Schnee, erzählten Witze. Die Jüngeren tauschten aus, was sie am Wochenende gemacht hatten, prahlten mit Partygeschichten und Errungenschaften oder baggerten.
Paul stand am Bahngleis zwei. Er war auf keiner Party gewesen. Er hatte keine Mädchen angemacht oder sich betrunken. Er war zu Hause geblieben. Zu Hause, unter den besorgten Blicken seiner Mutter. Besorgt, aber doch nichts ahnend. „Sie ahnt nie was“, dachte sich Paul, „Sie hat einfach keine Ahnung. Nicht von mir, von dem was mir wichtig ist oder dem was ich mache. Es ist ihr egal, ich bin ihr egal.“ Er war zu Hause geblieben, dieses Wochenende, und hatte einen Brief geschrieben.
Paul schaute auf die Uhr: Fünf Minuten noch. Er trug seine gute Armbanduhr. Überhaupt hatte er seine besten Sachen an. Er wusste selbst nicht genau, warum. Er wusste nur, dass heute ein besonderer Tag sein wird und an besonderen Tagen trägt man seine besten Kleider. „Es wird in der Tat besonders sein, heute. Anders. Anders als sonst immer. Heute wird alles anders sein. Sie werden schon sehen.“ Paul wusste nicht genau wie es eigentlich sein wird, wie es sich anfühlen wird, aber besonders wird es sein und anders, das wusste er. Und gut wahrscheinlich auch oder zumindest ... besser. Ein außerordentlicher Tag, ein Tag den niemand in dem kleinen Dorf so schnell vergessen wird. Auch in der Schule wird man sich noch an diesen Tag erinnern. An den Tag und an ihn selbst, an ihn, der doch so besonders war.
Vier Minuten noch. Sein Blick wanderte wieder. Von der Uhr auf seine Umgebung, auf die winterlich nackten Akazien mit ihren dornigen und toten Ästen, die auf der anderen Seite der grauen Gleise standen. Auf einem der oberen Äste saß drohend eine Krähe. Zwei weitere zogen krächzend Kreise über Bahngleis zwei.
Drei Minuten noch. Pauls Fokus lag eine Weile bei den schwarzen Vögeln, konzentrierte sich dann aber auf das, was näher lag und sowieso wichtiger war: Die Gleise. Nur einen halben Meter vor ihm lagen sie da, kalt und starr. Nur einen Schritt enfernt. Einige Meter weiter lag ein toter Fuchs auf den Schienen. Fliegen schwärmten über seinem leblosen Körper. „Doch noch ein Freund“, dachte Paul und lachte. Er lachte oft, wenn er nervös war.
Zwei Minuten noch. Es hatte begonnen zu dämmern. Die Sonne dürfte jeden Moment aufgehen. Hinter den dunklen Akazienbäumen konnte er den hellgelb gefärbten Horizont erkennen. Die dritte Krähe hatte sich nun auch krächzend in die Lüfte erhoben und zog zusammen mit den anderen ihre warnenden Kreise. Jemand lachte auf Bahnsteig eins, aber Paul hörte es nicht. Er war konzentriert auf das, was vor ihm lag.
Eine Minute noch. Der Zug kam. Paul konnte ihn schon sehen. Er konnte ihn sogar schon hören. Er kam. Näher und näher. „Er ist fast da“, dachte Paul, „Jetzt kommts drauf an. Warte. Warte! Nur noch einen Augenblick. Nur noch einmal. Nie wieder warten. Warten, auf jemanden der mit dir redet. Warten auf jemanden der dich versteht. Nie wieder warten, nie wieder ...“ Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf, Bilder erschienen vor seinem inneren Auge: Seine Mutter, die ihm nicht zuhörte, sein Vater, der nie zu Hause war, die Schule, das kalte dunkle Klassenzimmer, Schüler, die lachten, lachten über ihn. „Sie würden nie wieder lachen, nicht über mich!“ schoss ihm durch den Kopf, „Jetzt! Es ist Zeit. Goodbye.“
Im selben Augenblick brachen die ersten Strahlen der warmen Morgensonne durch das dornige Geäst der Akazien und trafen, hell und freundlich, Pauls Gesicht, über das, glitzernd im gelben Sonnenlicht, Abschiedsrtänen rannen.
Sonntag, 28. März 2010
Donnerstag, 18. Februar 2010
GTA-Johnny I
(oder auch: It's me. Mario!)
Es war früher Nachmittag als Johnny die Tür zum Barbershop aufstieß und langsam hineintrat.
"Einmal schneiden!" wies er den schmierigen Friseur an, der hinterm Tresen stand und gerade seinen wohlgeformten dicken Bauch tätschelte.
"Of course, of course, Sir! Mach ich gleich persönlich! Sagen Sie nichts, ich weiß genau, wie sie es wollen! Gleicher Schnitt, aber kürzer?"
"Ja, aber bloß nicht zu viel!"
"Si, si! Die Hälfte abschneiden?", fragte er und strich sich durch seine eigenen fettig-schwarzen Haare.
"Nicht so viel ab!"
"Ok, ok! Ich weiß bescheid!"
Nach fünf mehr oder weniger zäh verstrichenen Minuten, in denen Mr. Schmierig wild rumschnippelte und Johnny mit Erschrecken immer mehr seiner Haare fallen sah, lenkte der Friseur den Smalltalk vom heutigen Wetter auf ein neues Thema.
„Und Sie arbeiten als was im Moment?“
„Im Moment suchend:“
„Oh wirklich?! Als was?“
„Kellner oder ähnliches.“
„Gut! Gute Zeit im Moment dafür. Viele Bars die was suchen. Ich kenne da einige. Ich kann dir helfen wenn du willst. Sooo fertig! Na?“
„Joa.“ Johnny sah sich im Spiegel an. Irgendwie hatte er schon vorher gewusst, dass es so kommen musste. Er fuhr sich durch seine viel zu kurzen Haare und versuchte dabei die Löcher in der Frisur so gut wie möglich zu überkämmen. Nach einer Weile resignierte er und fragte mit einem tiefen Seufzer:
„Wieviel macht das?“
„Oh ich mache dir Special-Preis! Für dich nur 30$. Freundschaftspreis!“
Nach einem weiteren Seufzer griff Johnny in sein Portemonnaie und bezahlte den Mann.
„Wegen dem Job, komm einfach morgen oder übermorgen nochmal vorbei, ich finde dir was! Ich bin übrigens Mario.“
„Johnny.“
Es war früher Nachmittag als Johnny die Tür zum Barbershop aufstieß und langsam hineintrat.
"Einmal schneiden!" wies er den schmierigen Friseur an, der hinterm Tresen stand und gerade seinen wohlgeformten dicken Bauch tätschelte.
"Of course, of course, Sir! Mach ich gleich persönlich! Sagen Sie nichts, ich weiß genau, wie sie es wollen! Gleicher Schnitt, aber kürzer?"
"Ja, aber bloß nicht zu viel!"
"Si, si! Die Hälfte abschneiden?", fragte er und strich sich durch seine eigenen fettig-schwarzen Haare.
"Nicht so viel ab!"
"Ok, ok! Ich weiß bescheid!"
Nach fünf mehr oder weniger zäh verstrichenen Minuten, in denen Mr. Schmierig wild rumschnippelte und Johnny mit Erschrecken immer mehr seiner Haare fallen sah, lenkte der Friseur den Smalltalk vom heutigen Wetter auf ein neues Thema.
„Und Sie arbeiten als was im Moment?“
„Im Moment suchend:“
„Oh wirklich?! Als was?“
„Kellner oder ähnliches.“
„Gut! Gute Zeit im Moment dafür. Viele Bars die was suchen. Ich kenne da einige. Ich kann dir helfen wenn du willst. Sooo fertig! Na?“
„Joa.“ Johnny sah sich im Spiegel an. Irgendwie hatte er schon vorher gewusst, dass es so kommen musste. Er fuhr sich durch seine viel zu kurzen Haare und versuchte dabei die Löcher in der Frisur so gut wie möglich zu überkämmen. Nach einer Weile resignierte er und fragte mit einem tiefen Seufzer:
„Wieviel macht das?“
„Oh ich mache dir Special-Preis! Für dich nur 30$. Freundschaftspreis!“
Nach einem weiteren Seufzer griff Johnny in sein Portemonnaie und bezahlte den Mann.
„Wegen dem Job, komm einfach morgen oder übermorgen nochmal vorbei, ich finde dir was! Ich bin übrigens Mario.“
„Johnny.“
GTA-Johnny II
(oder auch: „Die Steve-Dobson-Story“)
Zwei Tage waren mittlerweile vergangen und Johnny stand wieder im gleichen versifften Friseursalon und schaute Basketball auf einem kleinen Bildschirm in der hinteren Ecke des Ladens. Mario hatte nach einer herzlichen und definitiv zu körperlich betonten Umarmung angefangen mit seinem Angestellten über irgendwas zu diskutieren. Irgendwas über eine zweite Filiale hier in Auckland. Johnny hörte nicht zu. Es interessierte ihn nicht.
„Was ist mit dem Job, Mario?“, fragte er irgendwann ungeduldig.
„Domani, domani! Heute was andres. Komm mit!”
“Wohin?”
“Wohin, fragt er!” erwiderte Mario lachend.
Wenig überzeugt folgte Johnny Mario raus auf die Straße, den Block runter und an die Bushaltestelle. Mario zahlte beide Bustickets.
Nach 4 oder 5 Stationen und ein oder zwei schlechten Witzen von Marios Seite, auf die Johnny nur mit einem kühlen Lächeln antwortete, stiegen die beiden wieder aus.
„Komm, komm!“
Immer noch unmotiviert folgte Johnny Mario den Rest des Wegs die Queen Street hoch.
Trotz heftigen Schnaufens und kargen Antworten versuchte Mario weiterhin sein Gespräch aufrecht zu erhalten.
„Was macht deine Freundin? Hast du eine Freundin? Bestimmt hast du eine Freundin. Einer wie du ...“
Johnny war nicht sicher ob ihm nur die Luft mitten im Satz ausgegangen war oder ob seine Frage fertig gestellt war. Er wartete einen kühlen musternden Blick lang und antwortete:
„Keine in dieser Stadt.“
„Ahaha, du bist gut! Hah, I just love you, Johnny!“
Johnny warf ihm einen weiteren kühlen musternden Blick zu und antwortete nicht.
Schnaufend bermerkte Mario schließlich „Wir sind da“, und trat gefolgt von Johnny in einen Friseursalon, der sogar noch versiffter war als der Erste.
Drinnen saß ein Rock’a’Billy, Pomade im Haar, hautenge Jeans, ärmelloses Shirt, mindestens 3 Piercings und die Arme übersäht mit bunten und, was Johnny annerkennen musste, richtig hässlichen Tattoos.
„Hey Dan!“, grüßte Mario den Rolla, „wie geht’s dir? Wie läuft der Laden? Viel Kundschaft? Ich hoffe doch?“ fügte er lachend hinzu.
„Yoyo, groovt ganz gut heut!“
„Gut, gut! Wusste doch du bist der Richtige. Das hier ist mein guter Freund Johnny, Johnny, Dan.“
Auf das folgende „Yo“ erwiderte Johnny nur mit einem leichten Nicken in lil’Elvis Richtung.
Unbeirrt plapperte der Italiener weiter: „Ich helf Johnny hier ein bisschen. Greif ihm unter die Arme. Und zeig ihm das Geschäft und die Stadt und so. Tu ich doch Johnny?“
Das kurze Murren von Johnnys Seite genügte ihm offensichtlich als Bestätigung.
„Mein Freund hier sucht Arbeit und du kennst mich ja Dan, ich helf meinen Freunden. Mario hilft allen seinen Freunden was auch immer ist. Stimmt doch, Dan?“
„Yo, sicher tust du.“
„Ich bin schließlich ein guter Mensch. Ich helfe anderen. Ich bin wahrscheinlich der netteste Mensch in ganz Auckland. Hahaha! Oder nich!?“
„Yo biste, biste echt. Hey da war so’n Kerl hier heute. Hat mich dumm angelabert. Hat gesagt, er hat mal hier gearbeitet. Ich glaub Steve hieß er, Steve Dobson.“
„Steve Dobson? Steve Dobson?!? Hah! Ja, der hat mal hier gearbeitet. Alter Schweinehund!“
Kopfschüttelnd fuhr Mario fort:“ Steve Dobson! Ein Säufer ist das! Gesoffen hat der! Hah, alte Schnapsdrossel! Und er hat besoffen gearbeitet. Hab ihn feuern müssen dafür.“
„Was’n passiert mit dem?“ fragte Mr Schmalzlocke interessiert.
„Besoffen war er und hat nen Kunden abgeschlachtet!“
„Er hat ihn geschnitten?“, fragte Johnny gelangweilt.
„Hah, geschnitten! Geschlachtet hat er ihn. Eines Tages komm ich hier rein, ich komm hier rein in meinen Salon wie jeden Tag. Ich komm hier rein und es stinkt, es stinkt erbärmlich nach Schnaps. Und da steht Steve Dobson, genau da an dem Friseurstuhl hat er gestanden, grad hier. Er steht da und rasiert einen Kunden. Und er rasiert ihn munter und rasiert und rasiert. Auf einmal seh ich, da is Blut auf dem Boden. Ne richtige Pfütze Blut und es tropft von irgendwo. Und ich nur zu Steve:
‚Steve? Steve?! Was machst du?’
‚Ich r-r-rasier den G-Gunden, rasier ihn.’
‚Und wo kommt das Blut her? Steve? Warum ist da Blut!?’
‚B-B-Blut? Wel-*hick*, Welches Blut?’
Und da seh ichs auf einmal. Da is ein riesiger Schnitt im Nacken des Kunden. Ein riesiger tiefer Schnitt. Ich konnt die Wirbelsäule sehn, so tief war’s.
Ich versuch also mit’m Kunden zu sprechen. Aber der konnte nich. Der konnte sich nich bewegen, nur die Augen, die arme Sau! Und er konnte nich sprechen, nur bisschen stöhnen. Ich bin also schnell raus und in den Laden nebendran!
‚Gib mir Kaffeepulver! Ich brauch Kaffeepulver!’ zu dem Verkäufer.
„Kaffeepulver?“ warf Johnny mit äußerst fragendem Blick ein.
„Ja, Kaffeepulver. Hab es dem Typ in die Wunde gestreut. Die Blutung gestoppt.“
„Mit Kaffeepulver?“
„Hat geklappt. Aber das Schlimmste war Steve. Der hat immernoch nich aufgehört. Der wollte immer noch weiter rasieren.
‚Der G-Gunde is noch nich fertisch r-r-rasiert.’, hat er gesagt! Ich hab ihn heimgeschickt. Gefeuert. Nix mehr von ihm gehört. Alter Säufer! Verrückter Kerl.“
„Crazy Story, Man!“ kommentierte Dan, „Crazy.“
„Ja, ja crazy is der Typ. Naja, bin nicht hier rausgekommen um Geschichten zu erzählen. Haha, nein wirklich nicht. Wollte nur das Geld einsammeln.“
„Yoyo, grad’n Moment.“, erwiderte der Rolla und bewegte sich langsam in den Hinterraum des Salons. Johnny wusste nicht genau ob er aus Coolness so langsam war oder weil seine enge Jeans nicht mehr zuließ, wollte es aber auch nicht wirklich wissen. Er wollte nur raus aus dem stinkenden Laden.
Nach einer Minute kam Dan Rock mit dem Geld wieder und überreichte es seinem Boss. Mario zählte es nicht, sondern steckte es direkt in seine Hemdtasche, umarmte Dan ein letztes Mal und marschierte langsam zur Tür ab.
Johnny, der wohl bemerkt hatte, dass das überreichte Geldbündel wesentlich größer war als das was ein Friseursalon einnehmen sollte, wunderte sich nicht darüber, sondern war lediglich erleichtert als er hinaus aus diesem miefigen Loch in das Licht der Nachmittagssonne treten konnte und endlich wieder frische Luft atmen durfte.
Zwei Tage waren mittlerweile vergangen und Johnny stand wieder im gleichen versifften Friseursalon und schaute Basketball auf einem kleinen Bildschirm in der hinteren Ecke des Ladens. Mario hatte nach einer herzlichen und definitiv zu körperlich betonten Umarmung angefangen mit seinem Angestellten über irgendwas zu diskutieren. Irgendwas über eine zweite Filiale hier in Auckland. Johnny hörte nicht zu. Es interessierte ihn nicht.
„Was ist mit dem Job, Mario?“, fragte er irgendwann ungeduldig.
„Domani, domani! Heute was andres. Komm mit!”
“Wohin?”
“Wohin, fragt er!” erwiderte Mario lachend.
Wenig überzeugt folgte Johnny Mario raus auf die Straße, den Block runter und an die Bushaltestelle. Mario zahlte beide Bustickets.
Nach 4 oder 5 Stationen und ein oder zwei schlechten Witzen von Marios Seite, auf die Johnny nur mit einem kühlen Lächeln antwortete, stiegen die beiden wieder aus.
„Komm, komm!“
Immer noch unmotiviert folgte Johnny Mario den Rest des Wegs die Queen Street hoch.
Trotz heftigen Schnaufens und kargen Antworten versuchte Mario weiterhin sein Gespräch aufrecht zu erhalten.
„Was macht deine Freundin? Hast du eine Freundin? Bestimmt hast du eine Freundin. Einer wie du ...“
Johnny war nicht sicher ob ihm nur die Luft mitten im Satz ausgegangen war oder ob seine Frage fertig gestellt war. Er wartete einen kühlen musternden Blick lang und antwortete:
„Keine in dieser Stadt.“
„Ahaha, du bist gut! Hah, I just love you, Johnny!“
Johnny warf ihm einen weiteren kühlen musternden Blick zu und antwortete nicht.
Schnaufend bermerkte Mario schließlich „Wir sind da“, und trat gefolgt von Johnny in einen Friseursalon, der sogar noch versiffter war als der Erste.
Drinnen saß ein Rock’a’Billy, Pomade im Haar, hautenge Jeans, ärmelloses Shirt, mindestens 3 Piercings und die Arme übersäht mit bunten und, was Johnny annerkennen musste, richtig hässlichen Tattoos.
„Hey Dan!“, grüßte Mario den Rolla, „wie geht’s dir? Wie läuft der Laden? Viel Kundschaft? Ich hoffe doch?“ fügte er lachend hinzu.
„Yoyo, groovt ganz gut heut!“
„Gut, gut! Wusste doch du bist der Richtige. Das hier ist mein guter Freund Johnny, Johnny, Dan.“
Auf das folgende „Yo“ erwiderte Johnny nur mit einem leichten Nicken in lil’Elvis Richtung.
Unbeirrt plapperte der Italiener weiter: „Ich helf Johnny hier ein bisschen. Greif ihm unter die Arme. Und zeig ihm das Geschäft und die Stadt und so. Tu ich doch Johnny?“
Das kurze Murren von Johnnys Seite genügte ihm offensichtlich als Bestätigung.
„Mein Freund hier sucht Arbeit und du kennst mich ja Dan, ich helf meinen Freunden. Mario hilft allen seinen Freunden was auch immer ist. Stimmt doch, Dan?“
„Yo, sicher tust du.“
„Ich bin schließlich ein guter Mensch. Ich helfe anderen. Ich bin wahrscheinlich der netteste Mensch in ganz Auckland. Hahaha! Oder nich!?“
„Yo biste, biste echt. Hey da war so’n Kerl hier heute. Hat mich dumm angelabert. Hat gesagt, er hat mal hier gearbeitet. Ich glaub Steve hieß er, Steve Dobson.“
„Steve Dobson? Steve Dobson?!? Hah! Ja, der hat mal hier gearbeitet. Alter Schweinehund!“
Kopfschüttelnd fuhr Mario fort:“ Steve Dobson! Ein Säufer ist das! Gesoffen hat der! Hah, alte Schnapsdrossel! Und er hat besoffen gearbeitet. Hab ihn feuern müssen dafür.“
„Was’n passiert mit dem?“ fragte Mr Schmalzlocke interessiert.
„Besoffen war er und hat nen Kunden abgeschlachtet!“
„Er hat ihn geschnitten?“, fragte Johnny gelangweilt.
„Hah, geschnitten! Geschlachtet hat er ihn. Eines Tages komm ich hier rein, ich komm hier rein in meinen Salon wie jeden Tag. Ich komm hier rein und es stinkt, es stinkt erbärmlich nach Schnaps. Und da steht Steve Dobson, genau da an dem Friseurstuhl hat er gestanden, grad hier. Er steht da und rasiert einen Kunden. Und er rasiert ihn munter und rasiert und rasiert. Auf einmal seh ich, da is Blut auf dem Boden. Ne richtige Pfütze Blut und es tropft von irgendwo. Und ich nur zu Steve:
‚Steve? Steve?! Was machst du?’
‚Ich r-r-rasier den G-Gunden, rasier ihn.’
‚Und wo kommt das Blut her? Steve? Warum ist da Blut!?’
‚B-B-Blut? Wel-*hick*, Welches Blut?’
Und da seh ichs auf einmal. Da is ein riesiger Schnitt im Nacken des Kunden. Ein riesiger tiefer Schnitt. Ich konnt die Wirbelsäule sehn, so tief war’s.
Ich versuch also mit’m Kunden zu sprechen. Aber der konnte nich. Der konnte sich nich bewegen, nur die Augen, die arme Sau! Und er konnte nich sprechen, nur bisschen stöhnen. Ich bin also schnell raus und in den Laden nebendran!
‚Gib mir Kaffeepulver! Ich brauch Kaffeepulver!’ zu dem Verkäufer.
„Kaffeepulver?“ warf Johnny mit äußerst fragendem Blick ein.
„Ja, Kaffeepulver. Hab es dem Typ in die Wunde gestreut. Die Blutung gestoppt.“
„Mit Kaffeepulver?“
„Hat geklappt. Aber das Schlimmste war Steve. Der hat immernoch nich aufgehört. Der wollte immer noch weiter rasieren.
‚Der G-Gunde is noch nich fertisch r-r-rasiert.’, hat er gesagt! Ich hab ihn heimgeschickt. Gefeuert. Nix mehr von ihm gehört. Alter Säufer! Verrückter Kerl.“
„Crazy Story, Man!“ kommentierte Dan, „Crazy.“
„Ja, ja crazy is der Typ. Naja, bin nicht hier rausgekommen um Geschichten zu erzählen. Haha, nein wirklich nicht. Wollte nur das Geld einsammeln.“
„Yoyo, grad’n Moment.“, erwiderte der Rolla und bewegte sich langsam in den Hinterraum des Salons. Johnny wusste nicht genau ob er aus Coolness so langsam war oder weil seine enge Jeans nicht mehr zuließ, wollte es aber auch nicht wirklich wissen. Er wollte nur raus aus dem stinkenden Laden.
Nach einer Minute kam Dan Rock mit dem Geld wieder und überreichte es seinem Boss. Mario zählte es nicht, sondern steckte es direkt in seine Hemdtasche, umarmte Dan ein letztes Mal und marschierte langsam zur Tür ab.
Johnny, der wohl bemerkt hatte, dass das überreichte Geldbündel wesentlich größer war als das was ein Friseursalon einnehmen sollte, wunderte sich nicht darüber, sondern war lediglich erleichtert als er hinaus aus diesem miefigen Loch in das Licht der Nachmittagssonne treten konnte und endlich wieder frische Luft atmen durfte.
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