Es war früher Morgen, die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die flackernde Bahnhofslaterne warf ein kaltes, weißes Neonlicht auf den Bahnsteig. Es war eisig und düster, ein typischer Februarmorgen.
Paul hätte sich etwas Schnee gewünscht, er mochte Schnee. Die Landschaft wirkte nicht ganz so nackt und leblos, wenn sie mit Schnee bedeckt war. Aber nicht heute. Keine Flocke war in den letzten Tagen und Wochen gefallen. Keine weiße Pracht, nur harte, tote Gleise.
„Es würde sowieso nichts ändern“, dachte sich Paul, „Vielleicht ist es nur richtig so.“
Er stand am Bahngleis zwei und wartete auf den ICE. Jeden Morgen fuhr er durch seinen kleinen Heimatort. Jeden Morgen das selbe schreckliche Kreischen der Räder auf den grauen Schienen. Jeden Morgen, und doch, heute, heute war es anders, heute war alles anders. Paul wartete.
Auf dem einzigen anderen Bahngleis würde 7 Minuten danach ein zweiter Zug ankommen, wie jeden Morgen. Der Zug würde halten und all die anderen Leute, die auf dem Bahnsteig warteten, würden einsteigen. Einsteigen und aussteigen. Woanders. Sie würden zu ihrer Arbeit fahren oder zu Freunden oder, wie Paul es jeden anderen Morgen tat, in die Schule.
„Schule“, seufzte Paul. Für ihn meinte das: Ein Raum, ein Lehrer, 30 Schüler, kein Freund. Er hasste es. Er hasste den engen, dunklen Klassensaal, den Lehrer, der ihn nicht verstehen wollte und die Schüler. Er hasste sie. Die, die ihn neckten und die, die ihm mitleidvolle Blicke zuwarfen, wenn er geneckt wurde. Er hasste sie alle.
Nicht mehr lange. Paul sah sich auf dem Bahnhof um. Ein paar Leute waren schon da, auf Bahnsteig eins. Sie lachten und redeten, hielten Smalltalk über das Wetter, die Kälte, den fehlenden Schnee, erzählten Witze. Die Jüngeren tauschten aus, was sie am Wochenende gemacht hatten, prahlten mit Partygeschichten und Errungenschaften oder baggerten.
Paul stand am Bahngleis zwei. Er war auf keiner Party gewesen. Er hatte keine Mädchen angemacht oder sich betrunken. Er war zu Hause geblieben. Zu Hause, unter den besorgten Blicken seiner Mutter. Besorgt, aber doch nichts ahnend. „Sie ahnt nie was“, dachte sich Paul, „Sie hat einfach keine Ahnung. Nicht von mir, von dem was mir wichtig ist oder dem was ich mache. Es ist ihr egal, ich bin ihr egal.“ Er war zu Hause geblieben, dieses Wochenende, und hatte einen Brief geschrieben.
Paul schaute auf die Uhr: Fünf Minuten noch. Er trug seine gute Armbanduhr. Überhaupt hatte er seine besten Sachen an. Er wusste selbst nicht genau, warum. Er wusste nur, dass heute ein besonderer Tag sein wird und an besonderen Tagen trägt man seine besten Kleider. „Es wird in der Tat besonders sein, heute. Anders. Anders als sonst immer. Heute wird alles anders sein. Sie werden schon sehen.“ Paul wusste nicht genau wie es eigentlich sein wird, wie es sich anfühlen wird, aber besonders wird es sein und anders, das wusste er. Und gut wahrscheinlich auch oder zumindest ... besser. Ein außerordentlicher Tag, ein Tag den niemand in dem kleinen Dorf so schnell vergessen wird. Auch in der Schule wird man sich noch an diesen Tag erinnern. An den Tag und an ihn selbst, an ihn, der doch so besonders war.
Vier Minuten noch. Sein Blick wanderte wieder. Von der Uhr auf seine Umgebung, auf die winterlich nackten Akazien mit ihren dornigen und toten Ästen, die auf der anderen Seite der grauen Gleise standen. Auf einem der oberen Äste saß drohend eine Krähe. Zwei weitere zogen krächzend Kreise über Bahngleis zwei.
Drei Minuten noch. Pauls Fokus lag eine Weile bei den schwarzen Vögeln, konzentrierte sich dann aber auf das, was näher lag und sowieso wichtiger war: Die Gleise. Nur einen halben Meter vor ihm lagen sie da, kalt und starr. Nur einen Schritt enfernt. Einige Meter weiter lag ein toter Fuchs auf den Schienen. Fliegen schwärmten über seinem leblosen Körper. „Doch noch ein Freund“, dachte Paul und lachte. Er lachte oft, wenn er nervös war.
Zwei Minuten noch. Es hatte begonnen zu dämmern. Die Sonne dürfte jeden Moment aufgehen. Hinter den dunklen Akazienbäumen konnte er den hellgelb gefärbten Horizont erkennen. Die dritte Krähe hatte sich nun auch krächzend in die Lüfte erhoben und zog zusammen mit den anderen ihre warnenden Kreise. Jemand lachte auf Bahnsteig eins, aber Paul hörte es nicht. Er war konzentriert auf das, was vor ihm lag.
Eine Minute noch. Der Zug kam. Paul konnte ihn schon sehen. Er konnte ihn sogar schon hören. Er kam. Näher und näher. „Er ist fast da“, dachte Paul, „Jetzt kommts drauf an. Warte. Warte! Nur noch einen Augenblick. Nur noch einmal. Nie wieder warten. Warten, auf jemanden der mit dir redet. Warten auf jemanden der dich versteht. Nie wieder warten, nie wieder ...“ Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf, Bilder erschienen vor seinem inneren Auge: Seine Mutter, die ihm nicht zuhörte, sein Vater, der nie zu Hause war, die Schule, das kalte dunkle Klassenzimmer, Schüler, die lachten, lachten über ihn. „Sie würden nie wieder lachen, nicht über mich!“ schoss ihm durch den Kopf, „Jetzt! Es ist Zeit. Goodbye.“
Im selben Augenblick brachen die ersten Strahlen der warmen Morgensonne durch das dornige Geäst der Akazien und trafen, hell und freundlich, Pauls Gesicht, über das, glitzernd im gelben Sonnenlicht, Abschiedsrtänen rannen.
Sonntag, 28. März 2010
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